In zwei von vier Ende Juni 2009 in der Fachzeitschrift „Diabetologia“ (Organ der EADS) veröffentlichten Studien aus Wales, Schottland, Schweden und Deutschland wurde bei Menschen mit Typ 2 Diabetes ein erhöhtes Krebsrisiko unter der ausschließlichen Gabe des lang wirksamen Analoginsulins Glargin (Lantus) beschrieben. In zwei weiteren Studien konnte dieser Zusammenhang nicht bestätigt werden. Insgesamt wurden in den 4 Studien über 300.000 Patienten erfasst, die entweder mehrere unterschiedliche Insuline oder Humaninsulin oder ausschließlich Glargin (Lantus) erhalten hatten. In der Fernsehsendung Tagesthemen wurde am 27. Juni 2009 darüber in einem Beitrag berichtet, was viele Patienten verunsichert hat, die Glargin (Lantus) spritzen.
In der deutschen Studie wurden 127.000 Menschen mit einem Diabetes Typ 2 der AOK erfasst, die Humaninsulin oder das Analoginsulin Glargin (Lantus) erhielten. Sie wurde vom Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) betreut, das von Prof. Peter Sawicki geleitet wird. Menschen mit Diabetes, die ausschließlich durchschnittlich 10 IE Lantus pro Tag bekamen, hatten im Vergleich zu denen, die Humaninsulin erhielten, ein leicht erhöhtes Krebsrisiko (0,8 zusätzliche Fälle pro 100 behandelte Patienten). Das Risiko erhöhte sich, wenn die Lantus-Dosis auf durchschnittlich täglich 50 IE gesteigert wurde.
In der schwedischen und schottischen Studie mit fast 178.000 Patienten mit einem Typ 2 Diabetes wurde bei Frauen ein leicht erhöhtes Brustkrebs-Risiko unter der Behandlung mit Glargin (Lantus), nachgewiesen. Für andere Krebsarten entdeckten die Wissenschaftler jedoch keinen Zusammenhang.
In der walisischen Untersuchung mit fast 63.000 Patienten mit Diabetes Typ 2 wurde kein erhöhtes Krebsrisiko für Glargin (Lantus) festgestellt.
Die bisher vorliegenden Studienergebnisse sind nach Expertenmeinung widersprüchlich. Aus den aktuellen Studien wird nicht klar, ob die Behandlung mit Glargin (Lantus) mit einem erhöhtem Krebsrisiko einhergeht oder nicht. Alle 4 Studien sind sogenannte Assoziationsstudien, d. h. es scheint eine Verbindung zwischen Lantus und gesteigertem Krebsrisiko zu geben, man kann aber nicht sagen, ob Glargin (Lantus) die Ursache für das erhöhte Krebsrisiko ist.
Bei Menschen mit Typ 1 Diabetes gibt es keine Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko mit Lantus. Das gleiche gilt für Patienten mit einem Diabetes Typ 3c.
Es ist bekannt, dass Menschen mit einem Typ 2 Diabetes ein erhöhtes Risiko haben, an Brust-,Darm– oder Pankreaskrebs zu erkranken. Übergewicht und Bewegungsmangel fördern nicht nur das Auftreten von Diabetes Typ 2 , sondern auch das Entstehen verschiedener Krebsarten.
Bisher sind sich die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG), das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und die Europäische Zulassungsbehörde (EMEA) einig, dass Patienten die Behandlung mit Lantus fortsetzen sollten, vor allem, wenn sie bislang gut vertragen wurde.
Langwirksame Insulinanaloga wie Glargin (Lantus) haben gegenüber Humaninsulin den Vorteil, dass sie das Auftreten von gefährlichen Unterzuckerungen (Hypoglykämien) vermindern. Lantus wirkt über 24 Stunden und muss deshalb nur einmal täglich gespritzt werden. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft weist deshalb darauf hin, dass die Umstellung von Lantus auf ein Humaninsulin zu einer erhöhten Zahl von gefährlichen Hypoglykämien führen kann, was eine Katastrophe wäre. Außerdem können sich die Nüchternblutzuckerwerte bei Patienten verschlechtern, bei denen die Wirkung von Humaninsulin nachts nicht lange genug anhält. Alle Diabetesexperten warnen deshalb angesichts des Verdachts auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch Lantus vor Panikmache und Hysterie.
Unseren Patienten/Mitgliedern, die Lantus spritzen, empfehlen wir deshalb zunächst die weitere Entwicklung abzuwarten, da weitere Studien und Untersuchungen geplant sind. Wer jedoch verunsichert ist, kann nach Rücksprache mit seinem behandelnden Arzt eine Umstellung auf Humaninsulin in Erwägung ziehen, wobei auf die oben angeführten Gefahren zu achten ist.
Lübbecke, August 2009
Prof. Dr. med. Michael Poll (Vorsitzender Wissenschaftlicher Beirat des AdP e. V.)