AdP e.V. Bauchspeicheldrüsenerkrankte

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50. Bundestreffen des AdP e.V.
„Leben mit einer Bauchspeicheldrüsenerkrankung“

Wege aus dem Labyrinth

 

Am 3.5.13 fand die Sitzung des Wissenschaftlichen Beirates und anschließend die Mitgliederversammlung des AdP statt.
Herr Kleeberg eröffnete die Veranstaltung. Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurde nach einem Gedenken an die verstorbenen Mitglieder des AdP der Rechenschaftsbericht des Vorstandes durch Herrn Kleeberg vorgetragen. Dann folgte der Kassenbericht (Herr Noack), der Bericht der Revisoren (Herr Blohm) sowie die Abstimmungen zu den Anträgen zur Änderung der Satzung (alle Anträge wurden angenommen).
Nach Entlastung des bisherigen Vorstandes erfolgte die Wahl des neuen Vorstandes, der Revisoren und die Bestätigung des neuen Mitgliedes des Wissenschaftlichen Beirates, Herr Prof. Dr. med. Gerdes.

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung gab Frau Christiane Kling (Kassel) wertvolle Hinweise zum Thema Ernährung bei Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse im Rahmen des Vortrags „Enzymseminar: Ernährung im Alltag“.

Wissenschaftliche Hauptveranstaltung am 4. Mai 2013

(Moderation: Prof. Dr. med. V. Keim (Leipzig), Prof. Dr. med. M. Rünzi (Essen).

Den ersten Vortrag der wissenschaftlichen Hauptversammlung hielt Herr Prof. Dr. med. M. E. Martignoni  (München). Er sprach zum Thema “Diät oder Genießen – Ernährung und Nahrungsergänzung bei Bauchspeicheldrüsenerkrankungen“.
Herr Prof. Martignoni  erläuterte, dass viele Patienten bis zu einem Jahr benötigen, bis sie ihre Ernährung auf die Verhältnisse nach einer Operation an der Bauchspeicheldrüse um- bzw. eingestellt haben. Besonders wichtig ist es, einen starken Gewichtsverlust zu vermeiden. Patienten mit reduziertem Körpergewicht und starkem Gewichtsverlust haben eine deutlich reduzierte Muskelmasse durch den Eiweißverlust. Denn bei einer Gewichtsabnahme werden zuerst die Eiweiße im Körper abgebaut. Dieser Eiweißverlust kann z.B. dazu führen, dass diese Patienten eine reduzierte Immunabwehr haben oder eine notwendige Chemotherapie schlechter vertragen. Die so genannte Tumorkachexie ist z.T. ein vermeidbares Phänomen, d.h. es ist notwendig, einer Gewichtabnahme möglichst frühzeitig entgegenzuwirken bzw. diese möglichst zu verhindern.
Nach einer erfolgten Operation ist in den ersten vier Wochen meist eine vorsichtige Ernährung zu empfehlen (leichte Vollkost). Im Verlauf ist kein Nahrungsmittel grundsätzlich verboten. Individuelle Unverträglichkeiten sollte ggf. jeder für sich ermitteln (Ernährungstagebuch) - Ausnahmen von dieser „Regel“ sind: Capsaicin (Chillischärfe) und  Paprika nur in geringen Mengen, angepasste Zuckermenge  bei Diabetes mellitus und Meiden von Alkohol. Zu empfehlen sind anfangs nach einer Operation an der Bachspeicheldrüse: Essen nach der Uhr (da anfangs kein Hungergefühl vorhanden ist), modulare Zubereitung der Speisen, hochkalorische Kost (so ist z.B. Salat nicht so zu empfehlen, da dieser nur eine relativ geringe Kalorienmenge hat, aber relativ sättigend ist).
Verdauungsenzyme sind für die Verdauung unbedingt notwendig (Regeln: schon zum ersten Bissen, Wiederholung beim fettreichem Essen, auch zu den Zwischenmahlzeiten).
Bauchspeicheldrüsenenzyme müssen ausreichend zu den Mahlzeiten eingenommen werden und können im Prinzip nicht überdosiert werden (Probleme kann es jedoch bei einer Neigung zur Verstopfung geben). Nach einer Magen-erhaltenen Operation ist ggf. eine lebenslange Gabe von Säureblockern zu empfehlen.
Bezüglich der Vitaminversorgung ist in Europa eine zusätzliche Vitamingabe im Allgemeinen nicht notwendig. Diese sind ausreichend in einer ausgewogenen abwechslungsreichen Ernährung enthalten. Der Redner empfahl, nach einer Operation anfänglich jährlich bzw. halbjährlich einen Vitaminspiegel zu bestimmen und ggf. einen Mangel dann gezielt auszugleichen. Besonders Augenmerk sollte hier auf die fettlöslichen Vitamine gelegt werden.

Fazit des Redners:

Wichtig ist eine gesunde Ernährung: pflanzliche und tierische  Lebensmittel die schmecken, satt machen und das Gewicht im Normbereich halten, zusätzlich ist ein vernünftiges Maß an Bewegung zu empfehlen.

In der darauffolgenden Diskussion wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass die Enzyme mit Granulat oder dem Inhalt der Kapseln mit Verdauungsenzym mehrmals zu den Mahlzeiten (z.B. auf einem Esslöffel mit etwas Flüssigkeit oder z.B. mit Kartoffelbrei) eingenommen und nicht gekaut werden sollten.
Jeder Betroffene muss für sich das beste Vorgehen bzgl. der Enzymdosis (auch unter Berücksichtigung einer evtl. vorhandenen Obstipationsneigung (Neigung zur Verstopfung) herausfinden.
Bei Betroffenen, die nicht am Magen operiert sind, sind Enzym-Kapseln ausreichend. Bei Betroffenen, die am Magen operiert sind, ist das Granulat zu empfehlen. Dieses sollte nicht auf das Essen gestreut werden, sondern, wie oben empfohlen, eingenommen werden. Nach der Einnahme von Granulat sollte der Mund ausgespült werden, weil sonst eventuell die Mundschleimhaut geschädigt werden kann.
Eine grundsätzliche Empfehlung zur Gabe von fettlöslichen Vitaminen unter der Voraussetzung einer ausreichenden Zufuhr von Verdauungsenzymen gibt es nicht. Das bestätigte auch Herr Prof. Dr. med. Klapdor, der sich mit dieser Thematik federführend beschäftigt.

Anschließend sprach Herr Prof. Dr. med. M. Peiper (Essen) zum Thema „ Chirurgie bei Rezidiv oder Metastasen: Sinn oder Unsinn?“

Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte  der Operationen der Bauchspeicheldrüse
sprach der Redner über die Häufigkeit von bösartigen Bauchspeicheldrüsentumoren, die derzeitigen Empfehlungen zu Indikationen und Kontraindikationen für Operationen.
Es ist noch nicht geklärt, inwieweit die regionalen Lymphknoten bei einer Bauchspeicheldrüsenoperation entfernt und vom Pathologen untersucht werden sollten
Bezüglich der Vorgaben für Operationen und weiterer Therapien existiert die sogenannte S 3-Leitlinie für exokrine Pankreaskarzinome (Leitlinie für die Behandlung von bestimmten bösartigen Bauchspeicheldrüsentumoren), welche jedoch dem Behandler auch einen gewissen Entscheidungs- und Handlungsspielraum lässt.
Individuelle Therapieentscheidungen sind jedoch auf Wunsch und in Absprache mit dem Betroffenen möglich.
Neuere Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Lungenmetastasen- Chirurgie im Gegensatz zu früheren Ansichten für bestimmte Patienten mit bösartigen Tumoren der Bauchspeicheldrüse die Prognose der Betroffenen verbessern können.
Die Therapie von bösartigen Tumoren der Bauchspeicheldrüse sollte individuell erfolgen, jedoch unter Berücksichtigung der o.g. S3-Leitlinie.

Herr Prof. Dr. med. M. P. Lutz (Saarbrücken) referierte zum Thema „Chancen und Risiken der onkologischen Therapie bei Pankreaskarzinom“.

Nach einführenden Worten zur Häufigkeit, Prognose und Symptomatik erläuterte der Redner die therapeutischen Möglichkeiten.
Nach seinen Ausführungen sind ca. 50 % der Patienten bei Diagnosestellung des Pankreaskarzinoms inoperabel. Patienten, die operabel sind, haben statistisch eine bessere Prognose.
Studien zeigen, dass eine postoperative Chemotherapie statistisch ebenfalls die Prognose verbessern kann (Chemotherapeutika: Gemcitabin, alternativ 5-Fluourouracil).
Neoadjuvante Chemotherapie (Chemotherapie vor der Operation) wurde an Hand einer rückblickenden (retrospektiven) Studie untersucht. Hier zeigte sich, dass eine R0- Resektion nach einer neoadjuvanten Chemotherapie häufiger möglich war. Der Redner empfahl, bei primär inoperablen Tumoren nach einer neoadjuvanten Chemotherapie (ca.3 Monate nach Ende der Chemotherapie) ein Staging (Untersuchung bzgl. der Tumorausbreitung) durchzuführen und dann erneut eine Operabilität des Tumors zu bewerten.
Als Standartbehandlung wurde die Chemotherapie mit Gemcitabin (Gemzar) genannt. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Kombination von Gemcitabin und Erlotinib (Tarceva).  In der Zweitlinienbehandlung wurde die Therapie mit 5-Fluorouracil und Folinsäure mit bzw. ohne Oxaliplatin sowie Gemcitabin und Paclitaxel u.a. Chemotherapeutika vorgestellt.
Des Weiteren wurden auch die Nebenwirkungen der verschiedenen Chemotherapien erläutert.
Für jeden Patienten sind Wirkung und Nebenwirkungen individuell abzuwägen und die betroffenen Patienten  ausreichend aufzuklären, damit Arzt und Patient gemeinsam über eine Therapie entscheiden können.

Fazit des Vortrags war,

dass auch nach einer schon erfolgten Chemotherapie, wenn diese nicht mehr erfolgreich ist oder die Nebenwirkungen zu stark sind, natürlich nach individueller Abwägung und Entscheidung, eine Zweitlinientherapie mit Chemotherapie  /Antikörpertherapie sinnvoll sein kann.

In der anschließenden Diskussion wurde eine Studie erwähnt, in der die Behandlung von Gemcitabin versus (im Vergleich zu) einer Behandlung mit Gemcitabin, Cisplatin in Kombination mit einer lokalen Hyperthermie (Überwärmungs- Behandlung) untersucht wird. Seitens der Mediziner wurde empfohlen, die o.g. lokale Hyperthermie-Behandlung nur im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie durchführen zu lassen, da bisher eine abschließende wissenschaftliche Bewertung der Hyperthermie- Behandlung aussteht.

Als letzter Redner sprach Herr Prof. Dr. med. M. Schoenberg (München) zum Thema „Lauf dem Krebs davon – Sport als Prävention und Therapieunterstützung“ - „ Sporttherapie für Tumorpatienten – Ausruhen war gestern“.

Eine halbe Stunde körperliche Betätigung /Sport am Tag senkte in einer Studie an über 400.000 Menschen das allgemeine  Sterberisiko um 18 % im Vergleich zur sog. Vergleichsbevölkerung.  Menschen, die am Tag 15 Minuten Sport trieben, hatten statistisch eine 3 Jahre längere Lebenserwartung.
Sport stärkt das Immunsystem und verbessert die Lebensqualität.
Herr Prof. Dr. med. M. Schoenberg empfahl, bereits in der operierenden Klinik im Rahmen der Physiotherapie mit körperlicher Betätigung bzw. Physiotherapie zu beginnen, diese dann zu Hause und im Rahmen einer  Anschlussheilbehandlung /Rehabilitation fortzuführen und dann auch nach dem Rehabilitationsaufenthalt fortzusetzen, z.B. in einer Rehabilitations-Sportgruppe, oder auch mit Bekannten oder Freunden, im Rahmen einer Gymnastikgruppe oder individuell.
Ideal wäre, wenn für den Betroffenen ein individueller Übungsplan erstellt würde. Dies kann z.B. schon während einer Rehabilitation erfolgen oder durch einen Sport- oder Physiotherapeuten z.B. auch in Zusammenarbeit mit dem behandelnden Onkologen geschehen.

Nach der Mittagspause hatten die Mitglieder des AdP und andere Teilnehmer der Veranstaltung bzw. Betroffene  in bewährter Tradition und nach den guten Erfahrungen des 49. AdP-Bundestreffens in Warnemünde/Rostock die Möglichkeit, am Angebot   

„Bauchspeicheldrüse im Dialog – Sie fragen individuell – Experten antworten“

teilzunehmen.
Betroffene und Angehörige konnten hier individuell Gespräche mit Experten führen und ihre Fragen klären zu Themen wie: Prävention, Diagnostik, Therapiemöglichkeiten, Ernährung, Insulineinstellung, Psychoonkologie, Rehabilitation, rechtliche Aspekte, alternative Therapiemöglichkeiten, Beratung in der Apotheke und Arbeit des AdP.
Parallel wurde die Videoaufzeichnung der Zubereitung des Abendessens am 3.5.13 gezeigt. Begleitend wurde diese durch Ernährungsberaterinnen / Diätassistentinnen kommentiert.
Im Anschluss berichteten die Experten über die Hauptinhalte der individuellen Beratungsgespräche.

Abschließend beendete Herr Kleeberg mit einem herzlichen Dank an die Organisatoren, Veranstalter und Mitwirkenden das Bundestreffen.

Das nächste AdP- Bundestreffen wird im Mai 2015 in Berlin stattfinden.

Dr. G. Rex, Lübben

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